Einführung in die
Medizinische Genetik
Die Medizinische
Genetik behandelt Erkrankungen, die durch Veränderungen des Erbguts bedingt sind. Auch
gehören Schäden des ungeborenen Kindes, z.B. durch radioaktive Strahlung, Infektionen,
Gifte und andere Umwelteinflüsse, dazu.
Dabei gliedert sich dieses medizinische Fach in die
Schwerpunkte Genetische
Beratung und genetische Diagnostik. Nach der Methodik unterscheidet man letztere in
die zytogenetische und
die molekulargenetische
Diagnostik.

Bindegewebszellen (Fibroblasten)
Der Stellenwert der Medizinischen Genetik nimmt ständig
zu. Dies ist das Resultat der permanent wachsenden Erkenntnisse über die genetischen
Ursachen vieler Erkrankungen. Nicht nur in der letzten Zeit ist die Genetik auch Zielpunkt
verschiedenster ethischer Diskussionen geworden, die die Möglichkeiten und Grenzen der
genetischen Diagnostik (z.B. die zur Zeit in Deutschland verbotene
Präimplantationsdiagnostik, die neue Diagnostik mit DNA-Chips) und der biotechnologischen
Forschung (z.B. an menschlichen embryonalen Stammzellen) betreffen.
Im Folgenden sollen die Grundlagen der Medizinischen
Genetik verständlich behandelt werden.
ERBGÄNGE
Das Erbgut des Menschen ist zum größten Teil auf den sog. Chromosomen verteilt. Diese
sind in 23 Paaren organisiert, wobei 22 Paare aus gleichen Chromosomen bestehen
(Autosomen). Ein weiteres Paar, die Geschlechtschromosomen
(Gonosomen), sind die zwei X-Chromosomen bei der Frau bzw. das eine
X-Chromosom und das Y-Chromosom beim Mann. Insgesamt liegen also bei Mann und Frau
normalerweise 46 Chromosomen vor. Jeweils ein Chromosom eines Paares wird von der Mutter
und eines vom Vater geerbt.

Normaler weiblicher Chromosomensatz, GTG-Bänderung
Verschiedene Vererbungsmuster können bei genetisch
bedingten Erkrankungen vorliegen, die wiederum zu verschiedenen Wiederholungsrisiken bei
den Verwandten führen. Das Vererbungsmuster hängt davon ab, wo der / die
verantwortlichen Gendefekte lokalisiert sind und wieviele Gene bei einer Erkrankung eine
Rolle spielen. Bei klassischen ("Mendel'schen") Erbgängen findet man in genau
einem Gen eine Veränderung; andere genetische Einflüsse sind demgegenüber gering.
Wichtig ist hierbei, daß die meisten Gene in zwei Ausfertigungen ("Allele")
vorliegen, jeweils eine Ausfertigung auf dem von der Mutter geerbten Chromosom und eine
Ausfertigung auf dem vom Vater geerbten Chromosom.
1. Autosomal rezessive Vererbung
Bei dieser Vererbung kommt es zu der Erkrankung, wenn beide Ausfertigungen eines
kritischen Gens defekt sind (Homozygotie). In der Regel sind dann beide Eltern
der/des Betroffenen gesunde Träger einer defekten Ausfertigung des Gens
(Heterozygotie). Das betroffene Kind hat dann von jedem Elternteil eine
defekte Ausfertigung geerbt. Kinder zweier Überträger haben jeweils ein Risiko von 25%,
den Defekt homozygot zu erben und zu erkranken. Beispiele: Cystische Fibrose
(Mukoviszidose), Hämochromatose, die meisten Stoffwechselerkrankungen.
2. Autosomal dominante Vererbung
Hier kommt es bereits dann zu der Erkrankung, wenn eine defekte Ausfertigung eines
kritischen Gens vorliegt. Die/Der Betroffene hat dann entweder diese Ausfertigung von
einem ebenfalls betroffenen Elternteil geerbt, oder es liegt eine neu erworbene genetische
Veränderung vor ("Neumutation", "de novo"). Nachkommen Betroffener
haben i.d.R. ein jeweiliges Wiederholungsrisiko von 50%.
Beispiele: Chorea Huntington, Achondroplasie, Myotone Dystrophie.
3. X-chromosomale Vererbung
Hier liegt der Gendefekt auf dem X-Chromosom. Frauen haben zwei X-Chromosome,
wobei i.d.R. in jeder Körperzelle genau ein X-Chromosom aktiv ist, das andere aber
nach dem Zufallsprinzip jeweils inaktiviert wird (Lyon-Effekt). Da demnach in vielen
Zellen das X-Chromosom ohne Gendefekt aktiv ist, haben Trägerinnen eines X-chromosomalen
Gendefekts meist kaum Beschwerden.
Männer dagegen haben nur ein X-Chromosom (und daneben ein kleineres Y-Chromosom)
und können daher den Defekt i.d.R. nicht kompensieren, d.h. sie erkranken
(Hemizygotie).
Frauen mit X-chromosomalen Gendefekten können diesen aber an ihre Söhne weitergeben, die
dann erkranken. Söhne von Überträgerinnen haben jeweils ein 50%iges Risiko, den Defekt
zu erben und zu erkranken. Betroffene Männer können den Gendefekt nur an ihre Töchter
weitergeben, die dann gesunde Überträgerinnen sind.
Beispiele: Bluterkrankheit (Hämophilie A), M. Pelizaeus-Merzbacher, Duchenne'sche
Muskeldystrophie.
Manche
X-chromosomalen Erkrankungen verlaufen so schwer, dass betroffene
Söhne bereits vorgeburtlich in der Gebärmutter versterben.
Betroffene Töchter sind in diesen Fällen klinisch betroffen,
und lebendgeborene betroffene Söhne kommen praktisch nicht
vor.
Beispiele: Rett-Syndrom, Incontinentia pigmenti.

4. Mitochondriale Erbgänge
Neben den Chromosomen im menschlichen Zellkern befindet sich auch im Zellkörper ein kleiner Teil des
genetischen Materials. Es sind die sog. Mitochondrien, die als
Energielieferant der Zelle arbeiten und auch über genetisches Material verfügen. In
seltenen Fällen befindet sich ein Gendefekt nicht auf einem der Chromosomen im Zellkern,
sondern auf dem genetischen Material des Mitochondriums. Mitochondrien werden nach
heutiger Kenntnis praktisch nur von der Mutter an die Nachkommen vererbt. Aus diesem Grund
wird eine solche Erkrankung auch immer nur über die Mutter weitergegeben. Von den ca.
10000 Ausfertigungen des Mitochondriums in einer Körperzelle sind nicht alle genetisch
identisch, da manche im Laufe ihres Lebens eine Mutation erwerben, andere aber genetisch
vollkommen normal sind (Heteroplasmie). Eine Eizelle trägt immer sehr viele Mitochondrien
der Mutter, so dass die Ausprägung mitochondrialer Erkrankungen auch oft sehr
unterschiedlich ist, und das Wiederholungsrisiko sich kaum genau bestimmen lässt.
Beispiel: Leber'sche Optikusatrophie, Leigh'sche Erkrankung, mitochondriale
Schwerhörigkeit, Kearns-Sayre-Syndrom.
5. Multifaktorielle
Vererbung
Die weitaus größte Zahl menschlicher Erkrankungen sind multifaktoriell bedingt, d.h.
dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Bei diesen
Erkrankungen ist die Charakterisierung der genetischen Einflüsse, d.h. die Anzahl der
beteiligten Gene und das Ausmaß des genetischen Einflusses, sehr schwierig. Aus diesem
Grund hat die genetische Diagnostik in diesem Bereich nur eine limitierte Aussagekraft.
Meist kann ein genetisches Risiko in Abhängigkeit von betroffenen Familienmitgliedern nur
empirisch ermittelt werden. In manchen Fällen können zur Risikoermittlung genetische
Varianten herangezogen werden, bei denen bekannt ist, dass sie statistisch mit einer
Veranlagung für eine bestimmte Erkrankung vergesellschaftet sind (sog. Polymorphismen, SNPs).
Beispiele: Neuralrohrdefekte ("offener Rücken"), die meisten
Formen der Hypercholesterinämie, Psychosen, Neigung zu Thrombosen,
Wirksamkeit von Medikamenten, Veranlagung zu Osteoporose.
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